Produktbewertung des Autors:
| Pro: |
international, große Bekanntheit, schnelle Seite, hoher Dating - Faktor |
| Kontra: |
Volle Funktionalität kostet richtig Schotter |
| Kompletter Erfahrungsbericht |
|
Als mein Schatz und ich uns vor acht Jahren auf elektronischen Wege kennenlernten, wusste noch kaum einer wie man „E-Mail“ schreibt und was ein Webbrowser ist. Heute muss ich sagen, dass ich mehr als die Hälfte meines Freundes- und Bekanntenkreises auf der einen oder anderen Art im Internet kennengelernt habe. Eine der Seiten, die nur zu diesem Zweck konzipiert wurden, hat inzwischen einen festen Platz in meinem Leben eingenommen – was mich durchaus mit gemischten Gefühlen erfüllt.
Gaydar...
...ist ein Kunstwort aus „gay“ und „radar“ und steht für die feine Antenne die wir Homosexuelle haben, wenn es gilt, im täglichen Miteinander die sexuelle Orientierung des Gegenüber in Sekundenschnelle einzuschätzen. Diese Fähigkeit wurde im Jahrtausende währenden Überlebenskampf in einer heterosexuellen Umwelt trainiert und verfeinert und es gibt nur eine Variable die einen verfälschenden Einfluss auf die Ergebnisse der Analyse hat: Wunschdenken.
(Die Bemerkung sei erlaubt, dass Seiten wie gaydar paradoxerweise über kurz oder lang diesen siebten Sinn überflüssig machen, so wie Streichhölzer den Umgang mit Feuersteinen).
Gaydar.co.uk ist eine schwule Kontaktseite (Community wäre wirklich übertrieben) und wurde vor vier Jahren in London ins Leben gerufen. Von dort trat es seinen Siegeszug um die Welt an, hat inzwischen Abertausende Mitglieder von Saudiarabien(!) bis Chile und ist mittlerweile wohl 80% der Schwulen ein Begriff (eigene Schätzung).
Zielgruppe
Anmelden kann sich jeder. Der geschlechtsneutrale Begriff „gay“ im Domainnamen führt allerdings ein wenig in die Irre. Frauen findet man auf dieser Seite nicht, obwohl nichts dagegen spricht, dass sich auch Lesben anmelden. Im Gegenteil: die Profilmerkmale und Suchfunktionen sind sogar ausdrücklich für jede mögliche Kombination von biologischen Geschlecht und sexueller Orientierung konzipiert. Nichtsdestotrotz liegt die Frauenquote auf gaydar nahe null Prozent.
Es ist ausgesprochen hilfreich, des Englischen mächtig zu sein. Zum einen ist die Seite fast ausschließlich in Englisch gehalten. Zum anderen kann man davon ausgehen, dass man über kurz oder lang von Männern aus der ganzen Welt Nachrichten empfängt.
Angemeldet, was nun?
Als erstes sollte man ein aussagekräftiges Profil erstellen und bis zu sechs Bilder von sich hochladen. Eine ganze Reihe von Profilmerkmalen warten darauf ausgewählt zu werden. So kann man der ganzen Welt alles Mögliche von Beruf über Lieblingsschauspieler bis Schwanzgröße mitteilen und ob man lieber top or bottom ist (nähere Erläuterung auf Anfrage). Über den Sinn so mancher Option kann man streiten. Felder, die man nicht ausfüllen will, kann man gottlob ausblenden.
Ich finde den ausgesprochen großzügig bemessenen Freitext, der ebenfalls zur Verfügung steht, sowieso viel besser. Hier ist sogar HTML-, PHP- und JavaScript-Code erlaubt. So kann man die vorgegebenen Optionen Optionen sein lassen und sich ganz kreativ ohne gestalterische Einschränkungen feilbieten. Die Auswahlfelder kann man deshalb getrost in die Tonne kicken, zu mal sich die Meute beim Thema Lieblingsänger sowieso nur zwischen Kylie und Madonna-Anhänger spaltet. Ähnlich verhält es sich bei dem Punkt Fernsehserie (Smack the Pony, Ab Fab, Golden Girls) und Schauspieler (Bette Midler, Barbra Streisand) *gähn*.
Wichtig dagegen: Die Angabe des eigenen Wohnortes. Die primäre Sortierung der Userprofile erfolgt nämlich geografisch. Dazu sind erste, zweite und dritte Welt je nach Useraufkommen fein säuberlich in Gebiete eingeteilt. Ich wähle mal wahrheitsgemäß „Baden-Wurttemberg, Rest“ und harre der Dinge die da kommen.
Endlich drin!
Diese „area lists“ sind die Hauptanlaufstelle für Kontaktsuchende auf gaydar. Meine Name erscheint wie erwartet mitsamt ca. 30 anderen Namen unter „Baden-Wuerttemberg, Rest“. Mal schauen was sich so hier tummelt. Kunterbunt die Usernamen - vom „knuddelbaerli“ über „18x6uncut“ (Ähnlichkeiten mit existierenden Namen sind rein zufällig!) bis hin zu noch viel eindeutigeren Bezeichnungen tummelt sich so ziemlich alles, was die schwule Szene zu bieten hat.
Der ganze Querschnitt wird geboten, alle Altersklassen sind vertreten. Finde ich eigentlich ganz gut, mitunter bin ich aber etwas triebhaft fokussiert und dann nervt mich alles, was nicht ins Raster passt. Aber schauen wir mal wer sich hinter den mehr oder weniger fantasievollen Usernamen tatsächlich verbirgt. Das erste angeklickt Profil ist ein Reinfall. Keine persönliche Info, nur ein Foto einer pixeligen Hühnerbrust und einer rasierten Rosette, kein Gesichtsbild. Na wenigstens die Frage nach der sexuellen Rolle ist beantwortet (passiv - Welche Überraschung!). Ich bezweifle stark, dass solche Profile wirklich dazu angetan sind, Werbung für den Nutzer zu machen. Leider findet man sowas auf gaydar all zu oft. Es ist schon erstaunlich, was manche unter „aussagekräftigen“ Fotos verstehen. Ich für meinen Teil lege großen Wert auf Gesichter ohne Sonnenbrillen und Baseball-Mützen.
Das nächste Profil gefällt mir da schon besser. Den Bildern nach zu urteilen ein gutaussehender Mann, scheint sogar in der Nähe zu wohnen. Sucht aber leider den Mann fürs Leben und da ich ja bereits seit der mittleren Kreidezeit vergeben bin, ziehe ich weiter. Nicht ohne einen Smiley zu hinterlassen – eine Art elektronische Duftmarke, die fortan in allen Userlisten neben dem entsprechenden Namen erscheint. Praktisch, so behält man den Überblick darüber, welche Profile man bereits durchstöbert hat und kann zugleich nach Sympathie und Gefallen vorsortieren. Eine große Hilfe angesichts der vielen Mitglieder.
Nach einigem Rumgeklicke habe ich was nettes gefunden. Hat zwar Mannheim als Wohnort angegeben, aber man ist ja mobil. Ich entschließe das eingebaute Message System auszuprobieren und schicke meinem Opfer eine kurze Nachricht. Wenige Sekunden später poppt irgendwo in Mannheim ein Pop-up up - ähm auf. Und kurz darauf habe ich eine Antwort auf meinem Bildschirm. Ein kurzes Pop-up-Gespräch entspinnt sich bis es jäh von dem freundlichen Hinweis unterbrochen wird, dass ich „classic member“ sei und mein Nachrichtenkontigent erschöpft sei und ich heute keine weiteren Messagen schicken kann. Na prima! Auch die Anzahl von Profilen die man als „klassisches“ Mitglied anschauen kann ist begrenzt, wie ich feststellen muss. Diese Begrenzung kann man aber leicht umgehen, denn über gaydar.co.uk/_name_ kann man auf alle Profile zugreifen. Und wenn ich vorhabe mit jemandem in längeren Austausch zu treten, dann weiche ich auf E-Mail oder Messenger aus.
Für andere für „classic member“ begrenzte Features wie zum Beispiel die Zahl der speicherbaren Nachrichten und Favoriten gibt es allerdings keine billigen Alternativen. Wer Wert auf derartiges und einige nette Features wie Vorschaubildchen etc. legt, der wird in harter Währung zur Kasse gebeten. Platin- und Goldmitgliedschaften werden feilgeboten. Platin-User haben für 90 US$ im Jahr uneingeschränkten Zugriff auf die volle Funktionalität, Goldmitglieder haben da leichte Abstriche hin zu nehmen, zahlen aber nur 60 US$. Kürzere Mitgliedschaften sind möglich, aber entsprechend teurer.
Die Sortierung in den oben erwähnten „area lists“ erfolgt übrigens nach Mitgliedsstatus. Zuerst werden alle Platin-, dann die Golduser und erst dann das Fußvolk der „classic“ angezeigt. Geld regiert auch die gaydar-Welt. Und ich glaube es gibt genug User, die sich einzig und allein deswegen für Platin entscheiden.
Mir persönlich hat die Sparversion bisher immer gereicht. Bisher hatte ich es noch nicht nötig, für Bekanntschaften zu zahlen. Der einzige Mehrwert, den eine bezahlte Mitgliedschaft in meinen Augen bietet, sind die umfangreichen Suchfunktionen. Doch wenn mir mal der Sinn danach steht einen muskulösen Mann mit vielen Haaren zwischen 30 und 40 Jahren in South West London zu finden, dann weiche ich auf den Account meines Göttergatten aus, den die Jahresgebühr nicht schreckt. Bleibt ja alles in der Familie. Die sechs Bilder, die man unentgeltlich hochladen kann, waren bis jetzt auch immer genug, das Foto Album, das nur zahlenden Gästen zur Verfügung steht brauche ich nicht.
UPDATE APRIL 2004: Inzwischen sind Guest-Accounts fast völlig rechtelos. Gaydar ist unbenutzbar geworden, wenn man nicht bereit ist die recht hohe Nutzungsgebühr zu zahlen. In Deutschland ist die Popularität inzwischen auch schlagartig gesunken, weil alles zur kostenlosen Konkurrenz www.gayromeo.com abwandert. Ein Erwähnen des Mitbewerbers in Profil oder Messages führt übrigens zu Verwarnungen bzw Profillöschungen (selbstredend ohne Restbeträge zurück zu erstatten). Eine sehr zweifelhafte Geschäftspolitik wie ich finde. Ich ziehe darum in der Gesamtwertung einen Stern ab.
ENDE UPDATE
Das Layout der Seite ist leidlich übersichtlich, das Design zweckmäßig schlicht und der Seitenaufbau läuft auch mit Modem in akzeptabler Geschwindigkeit ab. Cookies sind notwendig. Und um in den Online-Listen zu erscheinen und Nachrichten zu empfangen muss Java-Script eingeschaltet sein, das leider nach wie vor ein Sicherheitsrisiko darstellt. Ohne Java kann man die wichtigsten Funktionen der Seite also leider nicht nutzen.
Gedanken zum Tage
Zu gaydar bin ich gekommen wie die Jungfrau zum Fahrrad – mein Freund hat einfach ein Profil für seine bessere Hälfte angelegt. Inzwischen ist Gaydar zu einer meiner Standardwebseiten geworden. Ich bin mindestens einmal pro Tag online und checke zumindest meine Offline Nachrichten. Das große Plus der Seite ist ihre Internationalität und die große Anzahl von Mitgliedern. Ob Thailand, Australien, Kuwait oder Madrid, es kann ausgesprochen praktisch sein, auf Urlaubs- oder Geschäftsreisen schon vor der Ankunft erste Kontakte vor Ort geknüpft zu haben. Ich kenne jemanden, der sich auf einem Business Trip an einem(!) Abend vier(!) gaydar Bekanntschaften ins Hotel bestellt hat (ihr dürft ruhig spekulieren, wer das war...). Für Sexdates ist gaydar also weltweit eine ziemlich gute Adresse. Es hat schon ein bißchen was von der Fleischtheke beim Marktkauf. Nur um einen falschen Eindruck zu verhindern. Es gibt auch Mitglieder, die nichts dergleichen suchen (Vegetarier?), oder gar nach ihremTraumprinzen fahnden (Träumer?). Über die Erfolgsaussichten dieses völlig abwegigen Ansinnes ist mir aber nichts bekannt.
Sauer stoßen mir auf gaydar immer wieder völlig nichtssagende Profile oder solche mit völlig dumpfen Sexbildchen auf. An dieser Stelle möchte ich statt eines weiteren Kommentars nur noch kurz mein persönliches Wort des Monats einflechten: „beef curtains“ – was das ist überlass ich eurer blühenden Fantasie. Auf Gaydar gibt jedenfalls eine Menge davon.
Die bezahlten Mitgliedschaften bei gaydar finde selbst nicht so prickelnd. Für die gebotene Funktionalität mag eine Goldmitgliedschaft vielleicht noch angemessen – wer meint es zu brauchen... Die Plationversion halte ich hingegen für völlig überteuert.
Kurz und gut:
Eine lebendige, allgemein bekannte und akzeptierte Kontaktseite für Schwule, die ich oft, aber mit gemischten Gefühlen besuche. Ich habe mich als Auslage in einer Fleischtheke noch nie so sonderlich wohl gefühlt. Denoch: Guten Appetit!