Dir und mir
wünsche ich Augen
die die Lichter und Signale
in unseren Dunkelheiten
erkennen
Ohren
die die Rufe
und Erkenntnisse
in unseren Betäubungen
vernehmen
dir und mir
eine Seele
die all das
in sich aufnimmt
und annimmt
und eine Sprache
die in ihrer Ehrlichkeit
uns aus unserer Stummheit
herausführt
uns aussprechen lässt
was uns gefangen hält
Mit diesem Gedicht von Margot Bickel beginnt eine Webseite, die sich mit dem Thema „Kindesmissbrauch“ beschäftigt. Margot Bickel hat etliche Gedichtbände veröffentlicht, unter anderem „Weite des Lebens“, „Jeder Tag ist Leben“ oder „Pflücke den Tag“. Marion Bickel ist jedoch nicht die Betreiberin von kinderschreie.de. Bei dieser Webseite handelt es sich um eine private Webseite, die von einer „Bine“ betrieben wird, deren „richtiger“ Name zum Schutze ihrer eigenen Person nicht preisgegeben wird. Da das Gesetz vorschreibt, in einem Impressum denjenigen namentlich zu benennen, der für eine Webseite verantwortlich ist, hat eine Webdesign-Firma die Schirmherrschaft für kinderschreie.de übernommen. Ich habe mich in den letzten Tagen auf kinderschreie.de umgesehen und möchte im folgenden meine Eindrücke dieser Webseite schildern.
Sinn und Zweck von kinderschreie.de
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“Bine“ schreibt auf der Webseite, dass sie selbst als Kind missbraucht worden ist. Ihr Anliegen mit der Internetpräsenz ist es, zum einen darauf aufmerksam zu machen, dass es sich bei Kindesmissbrauch nicht um einen Kavaliersdelikt handelt und wo es Hilfe für Betroffene und deren Angehörige gibt. Zum anderen sieht sie das Betreiben der Webseite als eine Art Therapie für sich selbst an. Ihre Therapie besteht darin, sich mit dem Thema Kindesmissbrauch auseinanderzusetzen und sich mit anderen Menschen darüber auszutauschen. „Bines“ Texten habe ich entnommen, dass sie keine „richtige“ Therapie bei Psychotherapeuten, Psychologen o.ä. gemacht hat.
Das Hauptanliegen von kinderschreie.de besteht natürlich darin, so viele betroffene Kinder wie nur irgend möglich aus ihrer vielleicht jetzt gerade schlimmen Situation herauszuhelfen, indem Angehörige sensibilisiert werden und damit „hellhörig“ gemacht werden. (Signale von missbrauchten Kindern werden oft im engsten Umkreis übersehen). kinderschreie.de ist auch nicht zuletzt denjenigen gewidmet, die wie „Bine“ selbst als Kind Opfer waren und als Erwachsene Probleme haben, aufgrund ihrer seelischen Belastung ihr Leben „auf die Reihe zu bekommen“.
Design
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Die Seite hat einen durchweg schwarzen Hintergrund. Die Schrift ist weiß und nicht allzu groß. Fettdruck ist nur selten vorhanden. Es gibt Fotos und Abbildungen, die sich vom Design her perfekt in diese Dunkelheit integrieren: Auf den meisten Unterseiten befindet sich jeweils eine Abbildung, die in Schwarz-Weiß gehalten ist. Im Kontrast dazu ist der Menüpunkt, der zu der gerade aufgerufenen Unterseite gehört, in rot gehalten. Auch im Text gibt es einzelne Wörter oder Zahlen und
Bilder von kinderschreie.de
ein Symbol, das durch eine rote Farbe vom übrigen Text heraussticht. Auf anderen Seiten wiederum gibt es gar keine Abbildungen und keine roten Betonungen, sondern ausschließlich Text in weißer Farbe.
Fotos gibt es nur wenige. Das Mädchenfoto, das hier bei Ciao als Produktbild existiert, ist eines, bei dem ein Kind gezeigt wird, das in die Kamera guckt. Daneben gibt es noch eine Abbildung zweier Hände (eine Kinder- und eine Erwachsenen-Hand / siehe Bild unter diesem Bericht). Ansonsten gibt es innerhalb eines Flash-Films Fotos, die nur sehr kurz eingeblendet werden. Bei den Abbildungen gibt zum Beispiel einen Teddy, Schmetterlinge, Fragezeichen, ein Mensch vor einem Computer, dessen Gesicht nicht erkennbar ist oder eine Maske vor einer Mauer. Bei einigen der Abbildungen muss man mindestens zweimal hinsehen, um zu erkennen, worum es sich handelt, doch die meisten sind gut erkennbar.
Inhalt und Gestaltung
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Bei kinderschreie.de kann man auswählen, ob man sich einen Flash-Film ansehen oder direkt auf eine vorgeschaltete Seite springen möchte.
Gleich nach dem Aufrufen der Webseite erscheint jedoch erst einmal ein Pop Up-Fenster, das die Auswahl dieser beiden Möglichkeiten verdeckt und das folgenden Warnhinweis enthält:
„Achtung !!!
Diese Seite ist eine Page über und gegen Kindesmissbrauch. Vieles auf der Seite kann Betroffene triggern. Ich habe bewusst keine Sternchen oder Spoiler verwendet, da es an der Zeit ist, das Schweigen komplett zu brechen und Dinge beim Namen zu nennen. Also passt bitte auf euch auf beim Lesen.“
(„triggern“: Damit ist gemeint, dass Menschen, denen das Thema Kindesmissbrauch so nahe gehen kann, dass eventuell Situationen aufgrund traumatischer Erfahrungen wieder auftauchen können. Dies wird auch an anderer Stelle auf der Webseite erklärt.)
* Flash-Film:
In dem Flash-Intro gibt es Pressemeldungen der dpa (Dt. Presseagentur) über Kindesmissbrauch aus dem Jahr 2002 zu sehen, und dies jeweils in einem Satz. Ich nehme an, dass es sich dabei um Überschriften solcher Meldungen handelt. Während eine solche Zeile nach und nach wie bei einem Telex-Text von links nach rechts erscheint, hört man auch das Geräusch eines Telex-Gerätes. Nach jeweils einer Zeile bzw. Überschrift wird das Wort „Kinderschreie“ oder ein Bild dreimal kurz eingeblendet, und dies zusammen mit einem dumpfen Trommelschlag. Der Sound kann hier vom Betrachter nicht abgestellt werden. Nach einigen Presse-Überschriften und Bildern dieser Art ertönt eine Musik, bei der man die Wahl hat, den Ton abzuschalten oder die Musik weiterhin zu hören. Die Musik passt sehr gut zum Film.
* vorgeschaltete Seite:
Der Webseite kinderschreie.de ist eine Seite vorangestellt, die die Überschrift „Gequälte Kinderseelen“ trägt. Hier gibt es einen Text, der den Gedanken/Gefühlen eines Kindes entsprechen mag, das missbraucht wird. Der Text stammt von „Bine“.
* Webseite:
Die Menüführung ist im oberen Bereich zweizeilig angebracht worden. Die Webseite ist mit 24 Menüpunkten sehr umfangreich. Es wäre müßig, im Rahmen dieses Berichtes jeden Menüpunkt aufzuzählen und zu beschreiben. Grob umrissen berichtet „Bine“ über sich selbst und hat allgemeine Daten, Fakten und Information zum Thema Kindesmissbrauch veröffentlicht. Neben einem Gästebuch gibt es unter anderem noch verschiedene Foren, ein Aufruf einer Betroffenen, die nach Zeugen sucht, Notfall-Adressen und jede Menge Links.
Hinter den meisten Menüpunkten befinden sich Untermenüs, die auf der linken Seite zu finden sind. Die Untermenüs enthalten wiederum zwischen zwei und elf Menüpunkte.
Mein Eindruck von kinderschreie.de
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Insgesamt wirkt die Webseite sehr schlicht und natürlich extrem dunkel. Die Dunkelheit ist passend zu einem Thema, das viele (betroffene) Menschen verdeckt halten, passend zu einem Thema, wo es einen Täter gibt, der einer Kinderseele Schaden hinzugefügt hat und passend zu einem Thema, bei dem die Tat oft wortwörtlich im Dunkeln stattfindet - häufig ohne das Wissen Nahestehender, die wohlmöglichst völlig ahnungslos sind. Nicht nur das Thema ist „anstrengend“, sondern ist durch den schwarzen Hintergrund auch das Lesen der Texte über längere Zeit mühselig. Die Augen ermüden rasch.
Ansonsten gefällt mir das Design sehr gut. Es ist schlicht und gut gemacht. Die ganze Webseite ist sehr professionell gestaltet, einschließlich des Flash-Films. Der Flash-Fim ist in seiner Wirkung nicht ohne, und Leser dieses Berichtes, die Bedenken haben, sich mit dem Thema Kindesmissbrauch zu beschäftigen, rate ich davon ab, sich diesen Flash-Film anzusehen. Er ist weder grausam noch widerlich oder brutal, doch klagt er mit Recht an. Die Trommelschläge zusammen mit dem, was man zu sehen bekommt, bewirken zumindest eine starke Betroffenheit.
Von der Übersichtlichkeit her bin ich sehr zufrieden mit kinderschreie.de. Beim Navigieren verläuft man sich selten. Sollte einem Besucher dies passieren, so kann er auf den Link „Sitemap“ im Hauptmenü gehen und erhält von dort aus eine akzeptable Übersicht über die gesamte Webseite. Von jedem aufgeführten Link aus kann man auf der Sitemap wiederum dorthin gelangen, wo man hin möchte. Eine gute gestaltete Sitemap macht eine derart komplexe Webseite wie kinderschreie.de m.E. zu einer guten Webseite. Ein Aktualisierungsdatum habe ich nicht gefunden. Vielleicht habe ich es auch übersehen. Die Webseite ist insgesamt technisch gut umgesetzt. Die Seiten bauen sich schnell auf.
Vom Informationsgehalt her habe ich nichts zu bemängeln. „Bine“ gibt keine Details zu ihren eigenen Erfahrungen wieder, was ich gut nachvollziehen kann. kinderschreie.de ist sicherlich auch nicht dafür gedacht, „Voyeuren“ zu beschreiben, wie ein Kindesmissbrauch „vonstatten“ geht. Die „Hamburger Arbeitsgruppe gegen sexuellen Missbrauch“ hat kinderschreie.de einen Text in der Art einer Auflistung mit der Überschrift „Du glaubst, Du bist nicht betroffen“ zur Verfügung gestellt, der mit gefiel. (Zu finden unter dem Menüpunkt „Kindesmissbrauch“ / Untermenü „Betroffen?“) Insgesamt enthält kinderschreie.de alles, was bei diesem Thema wirklich wichtig und hilfreich ist. Es sind nicht nur Adressen und Links sowie Foren hilfreich. Es gibt auf der Webseite etliche Texte, die zum Nachdenken anregen und ggf. Menschen Signale (Hilferufe) hören und ihre Antennen ausfahren lassen.
kinderschreie.de ist eine Webseite mit Fakten, aber auch eine sehr persönliche Seite, was immer wieder zum Vorschein kommt, wenn man auf einige der vorhandenen Texte stößt. „Bine“ schreibt unter „Bitte lesen“ (Untermenü von „HP-Hinweise“), dass es sich bei kinderschreie.de um eine emotionale Seite handelt, bei der nicht jeder Leser oder jede Leserin mit ihr in allen Dingen übereinstimmen kann und muss.
Unten in der Statuszeile des Browsers erscheint beim Betrachten von kinderschreie.de immer wieder in Laufschrift die Warnung, dass der Inhalt dieser Seite triggern kann. Die Warnung, die zu Beginn der Webseite bereits erscheint, wird hier laufend wiederholt. Ich habe diese Wiederholungs-Warnung erst spät und zufällig entdeckt. Doch ich denke, dass sie nicht schaden kann.
Persönliche Anmerkungen
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Ich habe bewusst darauf verzichtet, mich im Rahmen dieses Berichtes zu dem Thema Kindesmissbrauch als solches zu äußern. Hier soll es ausschließlich um die Beurteilung von kinderschreie.de gehen. Meine persönliche Meinung soll hier außen vor bleiben.
Es existieren bei Ciao mehrere Berichte von Betroffenen, was das Thema Kindesmissbrauch angeht. Ich bitte diese Mitglieder, den letzten Satz meines Fazits zu beherzigen.
„Bine“ hört sich weiblich an, und das Foto, das zu sehen ist, ist das eines Mädchens. So ist es nicht verwunderlich, dass bei Kindesmissbrauch hauptsächlich von missbrauchten Mädchen die Rede ist. In meiner Bekanntschaft gibt es den Freund einer sehr guten Freundin meinerseits, der als Junge in Kindheitstagen von seinem Stiefvater jahrelang missbraucht worden ist. Das Resultat war eine Flucht als Jugendlicher auf die Straße und eine anschließende siebzehn Jahre andauernde Obdachlosigkeit. Leider gibt es auch solche Fälle. Doch dies nur nebenbei.
Fazit
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Hut ab vor einer privaten Webseite wie dieser. kinderschreie.de rüttelt einerseits auf und regt zum Nachdenken an, bietet aber auf der anderen Seite auch konkrete Informationen, Adressen, Linksammlungen und Hilfsangebote an (letzteres u.a. durch Antworten auf E-Mails). Auch Rechtliches ist an diese Seite angekoppelt. Es wird thematisch sowohl das „Vorher“ (Vorbeugung), das „Währenddessen“ (was tun, wenn ein Verdacht besteht) als auch das „Nachher“ behandelt („Nachher“: wie mit seinem Leben fertig werden).
Der Besucher von kinderschreie.de muss sich nicht nur passiv informieren, sondern kann sich zudem in Foren austauschen oder einen Eintrag im Gästebuch hinterlassen. Normalerweise akzeptiere ich einen durchweg schwarzen Hintergrund für Webseiten nicht sehr gern, doch zum Thema Kindesmissbrauch passt er sehr gut. Wegen der dadurch erzeugten schnellen Augenermüdung ziehe ich trotzdem einen Bewertungsstern ab. Technisch gesehen gibt es von mir genauso wenig zu bemängeln wie inhaltlich. Die Seite wirkt professionell und ist mindestens einen Besuch wert. Aufgrund der Fülle der Informationen wird bei Interesse mindestens ein zweiter Besuch nötig sein. Die „trigger-Warnung“, über die ich geschrieben habe, bitte ich jedoch zu beachten.
Betreiber der Webseite:
„Bine“
Schirmherr/Domaininhaber von kinderschreie.de:
Sasto Design
An der Römerlinde 7
72119 Ammerbuch
© kroetenfieber
19.03.2005 15:33
Die Welt kann so grausam sein
30.08.2004 21:52
jeder der einem kind etwas antut, dem gehört mind. genau das selbe angetan .... ich kenne die seite und surfe oft dort hin ... dein bericht darüber ist ein wahnsinn ... dass dieses Thema auch heute noch so wenig beredet wird ist mir unvorstellbar .. ich hab mit meiner Tochter schon darüber gesprochen .. dabei ist sie erst 5 .. aber auch oder gerade in dem alter hat man unzählige fragen .. und man kann nie früh genug damit beginnen den kids beizubringen was falsch und was recht ist ...
26.08.2004 23:26
Sehr differenziert dargestellt. Ich finde es gut, daß Du trotz dieses sehr emotionsbeladenen Themas sehr sachlich lediglich über die Website geurteilt hast, so ist der Bericht trotz Deiner Gründlichkeit noch überschaubar. Und - wie Du richtig anmerkst wird über das Thema Kindesmißbrauch hier schon an anderer Stelle berichtet. lg